Wie smarte Städte menschlich werden

Die Metropolen dieser Welt werden künftig intelligent sein. Aber macht sie das auch lebenswert? Die Stadt der Zukunft muss sich vor allem am Menschen orientieren.


„Wenn wir aus Städten Orte machen, in denen sich unsere Kinder nicht bewegen können, wird es ihnen als Erwachsenen an Menschlichkeit fehlen“, heißt es in dem Dokumentarfilm The Human Scale, der sich mit dem Einfluss von Architektur und Stadtentwicklung auf die Lebensqualität beschäftigt. Natürlich ist ein solches Szenario besorgniserregend. Die Stadt als Ort, an dem es uns und unseren Kindern an Wärme und Miteinander fehlt, möchte sich niemand vorstellen.

Fakt ist jedoch, dass im Jahr 2050 voraussichtlich etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung in Großstädten leben werden. Und diese Großstädte wachsen schon jetzt zu riesigen, modernen Metropolen heran: Überall entstehen neue Wohnkomplexe und erste Gebäude kommunizieren mit ihren Bewohnern.

Um die Städte der Zukunft zu attraktiven Lebensräumen zu machen, bedarf es jedoch weiterer Veränderungen. Wachstum und technologischer Fortschritt allein sind kein Garant für Lebensqualität. Moderne Technologie macht smarte Häuser nicht zu intelligenten Häusern und smarte Städte nicht zu attraktiven Metropolen. Vielmehr ist eine Stadt dann als Standort attraktiv, wenn sie sich daran orientiert, wie Menschen tatsächlich leben möchten. Erst wenn Kinder weiterhin spielen können, Stadtbewohner Anschluss zu ihren Mitmenschen finden und ihre Bedürfnisse altersgerecht bedient werden, können wir von gesunder Entwicklung sprechen.

Wunsch nach flexiblen Wohn- und Arbeitsräumen

Heutzutage gibt es nicht mehr das eine Lebens- und Wohnmodell. Junge Familien leben immer häufiger in Patchwork-Konstellationen. Die Großeltern werden gleichzeitig deutlich älter als früher und kehren im Alter oft wieder zu ihren Kernfamilien zurück. Ein intelligentes Zuhause muss also nicht nur selbstlernende und flexible Technologien zur Bewältigung des Alltags bieten, sondern zum Beispiel auch veränderbare Grundrisse und flexible Zonen. Durch den demographischen Wandel und eine immer älter werdende Bevölkerung kommen darüber hinaus hohe Anforderungen an altersgerechte Wohnungen dazu. Barrierefreiheit und Ästhetik dürfen einander in Zukunft nicht mehr ausschließen. Die smarten Wohneinrichtungen selbst müssen intuitiv für Menschen aller Altersklassen bedienbar sein und dabei über eine hohe Fehlertoleranz gegenüber Anwendungsfehlern verfügen. 

Bedürfnis nach neuen Gemeinschaften

Prägend für die Stadt der Zukunft ist auch das Mindset der digitalen Nomaden. Digitale Nomaden arbeiten und leben an Orten jenseits von klassischen Büros und Wohnräumen. Diese sogenannten Third Places können öffentliche Räume sein, aber auch Geschäfte, Cafés, Sport- oder Kultureinrichtungen gehören dazu. Die Grenzen zwischen Arbeit und Leben beginnen zu verschwimmen. Dadurch steigt das Bedürfnis nach flexiblen, gemeinschaftlich nutzbaren Räumen. Co-Working und Co-Living-Spaces, aber auch Third Homes und Serviced Appartments erfreuen sich bei der Kreativklasse der großen Metropolen schon jetzt zunehmender Beliebtheit.

Aber auch Kreisstädte und Dörfer verändern sich. In Deutschland hat eine Gruppe aus Architekten, Handwerkern und anderen Kreativen das Ko-Dorf ins Leben gerufen. In Ko-Dörfern wird eine moderne städtische Infrastruktur etabliert, die kleine Ortschaften und ländliche Regionen auch für junge Berufstätige und digitale Nomaden attraktiv machen soll. Ko-Dörfer bestehen dann aus 50 bis 150 kleinen Häusern und Gemeinschaftsgebäuden. Das sind beispielsweise Küchen, Kinos, Seminarräume, Coworking-Spaces, Bars und Restaurants. Das Projekt, das mit Wittenberge als erstem Ko-Dorf begann, wird in den kommenden Jahren mit den Städten Altena und Homberg fortgesetzt. Im sogenannten “Summer of Pioneers” können Interessierte sich für einen Platz in einem Ko-Dorf bewerben.

Wunsch nach politischer und gesellschaftlicher Partizipation

Auch für das politische Engagement ist die Entstehung neuer Begegnungsräume enorm wichtig, denn hier ist vieles in Bewegung. Die Fridays for Future-Bewegung beispielsweise zeigt, dass immer mehr junge Menschen sich in neuen Bürgerbewegungen zusammenfinden. Dieses aufkeimende politische Interesse schürt auch die Notwendigkeit für geschützte Denkräume und kollaborative Projekte. In Hamburg hat die Initiative NextHamburg zum Beispiel ein Stadtlabor geschaffen, in dem Bürger, Fachleute und politische Engagierte gemeinsam an Zukunftsszenarien für die Elbmetropole arbeiten. Auch international gibt es bereits Institutionen, die Bürger verstärkt am politischen Geschehen beteiligen wollen. Dazu gehört das Laboratorio para la Ciudad in Mexico City, das den Austausch zwischen Regierung und Stadtbewohnern herstellt und sie in interdisziplinären Projekten zusammenführt.

Sehnsucht nach Natur und neuen Orten der Erholung

Durch die starke Expansion der Metropolen ist der Wunsch vieler Städter nach grünen Oasen zwischen den Beton-Kulissen gewachsen. Als Antwort auf dieses Begehren wurden weltweit viele brachliegende Anlagen und Bauflächen begrünt und so neue Erholungsorte geschaffen. Eines der wohl bekanntesten Beispiele ist die New Yorker Highline. Die 2,3 Kilometer lange alte Güterzugtrasse im Westen von Manhattan wurde zu einer Parkanlage umgebaut. Auch die Gardens by the Bay in Singapur mit ihren futuristischen, pflanzenbewachsenen Stahlbäumen zeugen von einer Politik, die das Leben in der Stadt durch neue Grünzüge verbessern will.

Andernorts entstehen ganze Ökostädte. Das derzeit meistdiskutierte Projekt ist wohl die Stadt Xiong’an, die gerade in China gebaut wird. Die Öko-Metropole soll künftig das 180 Kilometer entfernt gelegenen Peking entlasten und den Phänomenen der Überfüllung, Umweltverschmutzung und Überteuerung entgegenwirken. Intelligente Grids vernetzen in Xiong’an Wasserkraft, Biomasse, Erdwärme, Windenergie und Fotovoltaik, während moderne Elektro-Mobilitätskonzepte die Straßen entlasten. Das Ergebnis ist eine gänzlich klimaneutrale Stadt.

In Europa gibt es erst wenige Beispiele für Ökostädte. Doch auch hier tragen energieeffiziente Lösungen, Umwelttechnologien und Konzepte zur Verkehrsberuhigung zu einer qualitativen Verbesserung des Stadtlebens bei. Viele skandinavische Metropolen, die in Europa ohnehin als Vorbilder für grünere Städte und hohe Lebensstandards dienen, haben ihre Innenstädte mit großzügigen Fußgängerzonen wiederbelebt.

Die Stadt der Zukunft muss all diese Trends, Wünsche und Bedürfnisse berücksichtigen. Denn schon heute stehen viele Städte im Konkurrenzkampf um Unternehmen und Einwohner. Dieser Wettbewerb ist durchaus gesund. Er ist der Antrieb, aus dem heraus sich eine Stadt zu einer lebenswerten Metropole entwickeln kann, der es eben nicht an Menschlichkeit fehlt.


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